Biographie

China stellte bis vor wenigen Jahren einen weißen Fleck auf der globalisierten Landschaft der Weltmusikgeschichte dar. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert. Es war der englische Komponist Alexander Goehr, der die erste Brücke zwischen West und Ost schlug. Er reiste 1979 nach Peking und arbeitete dort mit einer Gruppe junger chinesischer Komponisten zusammen. Darunter auch neben dem heute international renommierten Tan Dun, der junge Qu Xiao-song. Goehr konfrontierte eine junge Komponistengeneration, die in den Zeiten der Kulturrevolution aufgewachsen waren, mit der europäisch-amerikanischen Musik des 20. Jh sowie den Techniken modernen Komponierens. Qu fühlte sich insbesondere von der Musik Witold Lutoslawskys angezogen, dessen statische orchestrale Klangflächen sich gut mit den alten Traditionen chinesischer Musik kombinieren ließen. 1985 entstand das Cellokonzert, das westliche und östliche Traditionen miteinander verbindet. Es zeigte sich hier, daß das musikalische Vokabular der europäischen Moderne eine sehr viel überzeugendere Synthese mit den uralten Formen chinesischer Musik eingehen konnte, als dies mit der dur-moll-tonalen Musik möglich gewesen war.

Qu Xiao-song wurde 1952 in Guiyang in der Provinz Guizhou geboren. Er war 14 Jahr alt, als die Kulturrevolution ausbrach und mußte 4 Jahre als Landarbeiter bei chinesischen Bauern im entlegenen Mio arbeiten. Das, was für viele junge Musiker wie eine Strafe war, sie durften ihre westlichen Instrumente nicht mehr spielen, entpuppte sich für Qu als Glücksfall: sein musikalischer Horizont wurde durch das Kennenlernen chinesischer Volksmusik erweitert, die sich trotz Revolution in Jahrhunderte alten Tradition erhalten hatte. Wie kein anderer chinesischer Komponist ist Qu von dieser Erfahrung tief geprägt worden und er hat in seinem Schaffen der Verarbeitung und Weiterentwicklung dieser Musiktradition Priorität eingeräumt. So wie Béla Bartók war er nicht nur von der Musik, sondern von der Ganzheit des Lebensvollzuges in diesen traditionellen Gemeinschaften fasziniert. Es war insbesondere die Synthese von Natur und Kultur, der Respekt vor der Stille und die gelebten Maximen der konfuzianischen Lebensanschauung: Ganzheit, Einfachheit und Authentizität, die Qu in sein kompositorisches Denken und Schaffen aufgenommen hat.
In der Folge entstanden eine Reihe von Werken aus dem Geist der chinesischen Volksmusik, so z.B. die drei Kantaten: Mong Dong (1986), Cleaving the Coffin (1987) nach einer Legende über den chinesischen Philosophen Zhuangzi und Mist (1991).
Diese drei Kantaten bilden die Grundlage für zwei sehr erforgreiche Kammeropern: Oedipus (1992-93) und The Death of Oedipus (1993-94). Ganz bewußt suchte sich Qu den antiken Oedipus-Mythos als Vorlage für sein Libretto. Sein Konzept war es, diesen berühmten Stoff einmal aus der Perspektive buddhistischen Denkens zu interpretieren. Die Oper Oedipus wurde in Stockholm mit großem Erfolg aufgeführt. Alle 20 Vorstellungen waren ausverkauft. Während die abendfüllende Oper Oedipus das Drama nachzeichnet, verlegt Qu das Geschehen bei dem Folgewerk ganz ins Innere: Nicht die Schandtat, sondern die Reue des Oedipus nach der Tat stehen hier im Zentrum.
1990 hat Qu einen Werkzyklus begonnen, den er Ji, "Stille" nennt. Bisher sind 7 Werke in verschiedenen Besetzungen entstanden, so z. B. Ji 5 für koto, sho und Streichquartett. Stille ist hier keine Pause wie in der westlichen Musik, d.h. der Abstand zwischen musikalischen Ereignissen, sondern die Stille ist das wichtigste musikalische Ereignis selbst. Die Musik führt den Hörer dahin, Stille zu hören. Stille ist auch ein Klang, ein Ort der Sammlung, der Meditation und des Ein- und Ausatmens. Stille ist der mystische Ort wo Zeit und Zeitlosigkeit miteinander verschmelzen.
Im Verlaufe seiner kompositorischen Entwicklung kehrten sich die Schwerpunkte geradezu um: war sein Cellokonzert noch von der Tradition der europäischen Moderne geprägt, in die er Elemente chinesischer Musik eingearbeitet hat, so stellt sich dieses Verhältnis in den letzten Jahren umgekehrt dar. Seine Oper Life on a string basiert auf den Traditionen der Sagenerzählungen chinesischer Dichtersänger und erweitert die ursprüngliche Form der Deklamation mit Elementen westlichen Komponierens.
Qu möchte aber keinesfalls den "Eurozentrismus" durch einen "Asiazentrismus" ersetzen. Für ihn ist die Musik eine universale, übernationale Kommunikationsweise. Diesen Anspruch hat er in seinem Werk Weisst du, wie der Regen klingt... für Chor und Kammerorchester unterstrichen. Es handelt sich um ein Auftragswerke des Rundfunkchores Berlin und wurde in Rahmen des Festivals Ultraschall am 27.1. 2000 im Kammermusiksaal der Philharmonie unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Qus Botschaft in diesem Werk ist einfach: Die alte chinesische Lehre des Einklangs von Natur und Kultur kann dem Westen einen Ausweg aus dem Dilemma der Umweltzerstörung zeigen. Qu ist sehr besorgt über die neueren Entwicklungen in China. Er sieht es nicht als Fortschritt an, wenn China den Weg der westlichen Industrienationen unkritisch übernimmt, sozusagen die gleichen Fehler macht, nämlich technischen Fortschritt mit der Zerstörung der Umwelt zu erkaufen. Demgegenüber plädiert er für einen unbedingten Respekt vor der Natur. In dem Werk stehen sich also zwei Haltungen gegenüber: auf der einen Seite die kriegerische und zerstörerische Natur des Menschen und auf der anderen Seite seine Fähigkeit zu Liebe, Frieden, Meditation und innerer Harmonie. Die Harmonie erwächst aber aus der Stille. Erst in der Stille, in der Sammlung und in der Meditation findet der Menschen zu seinem Selbst und kann sich aus der Verstrickung befreien, in die ihn seine agressive Natur wirft. Die Musik Qus ist gekennzeichnet durch eine Dialektik der Extreme: Lärmende, schrille und schreiende Passagen wechseln ab mit sanften, stillen und zärlichen Momenten, die im Laufe der Komposition Überhand gewinnen.
Qu Xiao-song, der von 1989 - 1999 in New York gelebt hat ist, nach einem Jahr als Composer in Residence an der Universität Witten/Herdecke wieder nach China zurückgekehrt und unterrichtet Komposition am Konservatorium von Shanghai.

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Ji #3  Kong San (Silent Mountain)

für: Gitarre Solo

Bestell-Nr.: 3327

Preis: 9,00 €