Biographie

Stefan Wolpe wurde 1902 in Berlin geboren. Er studierte im Jahre 1920 kurz an der Hochschule der Künste, brach das Studium bei Paul Juon aber ab, da er sich von dessen konservativem Unterrichtsstil wenig motiviert fühlte. Demgegenüber hielt er einen engen Kontakt zur Kompositionsklasse von Ferruccio Busoni, den er sehr verehrte. Wolpe pflegte dann in den Jahren 1920-1933 diverse Kontakte zum Bauhaus in Weimar und der Dada-Bewegung und engagierte sich mehr und mehr politisch.

Seine durchaus frühreifen Kompositionen sind einerseits der freiatonalen Schreibweise Schönbergs verpflichtet - wie in der Dada-Oper Schöne Geschichten -, andererseits beherrschte er aber ebenso den Agitpropstil eines Hanns Eisler. Eine polystilistische Dialektik bleibt bei Wolpe in seinem Gesamtschaffen immer zentral. Als Jude und überzeugter Kommunist sah er das Unheil des Faschismus voraus und kämpfte mit allen ihm gegebenen Mitteln dagegen an. Noch 1926 entsteht die Kabarett-Oper Zeus und Elida, die die Größenwahn-Phantasien Hitlers persifliert. Wolpe wurde 1933 sofort von der Gestapo gesucht und mußte in einer Nacht- und Nebel-Aktion fliehen. Nur seiner zweiten Frau, der Pianistin Irma Schoenberg ist es zu verdanken, daß ein Großteil der Wolpe-Werke aus dieser Zeit gerettet wurde. Wolpe emigrierte über Wien, wo er kurz mit Webern studierte, nach Palästina. In Jerusalem machte Stefan Wolpe sich zunächst als Kompositionslehrer und als Arrangeur von leichten Chorsätzen für die Kibbuzim einen Namen, handelte sich aber bald den Ruf eines dodekaphonischen "enfant terrible" im israelischen Musikleben ein. Seine Musik wurde samt seinen kompromißlosen musikalischen und politischen Anschauungen abgelehnt. Wolpe zog daraus die Konsequenzen und packte 1938 seine Koffer. Er erhoffte sich, in Amerika besser Fuß fassen zu können. Wolpe saugte seiner Natur gemäß im kulturell blühenden New York der 50er Jahre alles in sich auf, was diese Stadt zu bieten hatte: Bebop oder den abstrakten Expressionismus (Kline, de Kooning). 1952 fand Wolpe zunächst eine ideale Arbeitsathmosphäre im Black Mountain College, wo er bis 1956 tätig war. Nach dem finanziellen Ruin dieser progressiven Institution landete Wolpe in einer prekären Lage, die sich eher verschlimmerte als verbesserte. Von Kompositionsaufträgen konnte Wolpe nicht leben, denn das amerikanische Musikleben war sehr konservativ ausgerichtet.

Ein Lichtblick im New Yorker Musikleben war die League of Composers (ISCM). Sie bestellte 1955 ein Orchesterwerk bei Stefan Wolpe, (1. Symphonie) deren ersten beiden Sätze 1964 zur Aufführung kamen. Als Wolpe versuchte, wieder in Deutschland Fuß zu fassen, flog ihm wenig Gegenliebe entgegen. Darmstadt, das Mekka der Neuen Musik war mit Boulez und Stockhausen schon fest in den Händen einer jungen Generation. Wolpes abstrakter Expressionismus wurde kontrovers aufgenommen. Während sein Plädoyer für gestalterische Spontaneität positiv beurteilt wurde, stieß er mit seiner unorthodoxen Auseinandersetzung mit der 12-Ton Musik auf Unverständnis. In New York hatte Wolpe diesen Stil konsequent zu einer hohen Komplexität weiterentwickelt. Dabei wurde aus seinen ausgedehnten kontrapunktischen Studien (Music for any Instruments 1944-49) das Urerlebnis der Simultaneität in dem sich gleichzeitig die heterogensten Elemente treffen können. Er entwickelte die Technik einer polyphonen Klang-Raum-Komposition, die sich nicht entwickelt, sondern wie eine Momentaufnahme der Jetzt-Zeit entfaltet. Vergleicht man z.B. die 1941 entstandene Toccata mit dem Battle Piece (1943-47) und den Enactments für 3 Klaviere (1950-53), so sieht man, in welchem atemberaubenden Tempo Wolpes Kompositionstechnik sich entwickelt hatte.

In New York zählte jedenfalls Wolpe zu den gefragtesten Kompositionslehrern der Stadt. Aus seiner Klasse stammen David Tudor, Morton Feldman, Ralph Shapey sowie die besten Jazzmusiker der Zeit: Bill Finegan, Elmer Bernstein, John Carisi, George Russell, Tony Scott etc. 1963 traf Wolpe ein unerwarteter Schicksalsschlag: Es wurde die Parkinsonsche Krankheit diagnostiziert. Damals war eine medikamentöse Behandlung kaum möglich und so verlebte Wolpe seine letzten 10 Lebensjahre in einem heroischen Kampf gegen die Krankheit, der er 1972 erlag. Die Schüttellähmung zwang Wolpe dazu, sehr langsam zu komponieren, weil ihm die Niederschrift einer jeden Note unendliche Mühe und Zeit abverlangte. Daraus resultierte eine völlig neue Schreibweise, bei der Wolpe sich erneut mit der Musik A. Weberns auseinandersetzte.

Seine letzten Stücke wie die Chamber Pieces Nr. 1 + 2 (1964-67) oder From here on farther (1969) schließen an ein geschlossenes Formkonzept an, sind aber unverwechselbar in der für Wolpe charakteristischen Ausdruckswelt voller Dynamik und Optimismus beheimatet.

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Stefan Wolpe

Lieder mit Klavierbegleitung
1929 - 1933

Bestell-Nr.: 3244

Preis: 68,00 €