Mieczyslaw Weinberg und seine Familie teilen das Schicksal unzähliger Juden während des 20. Jahrhunderts.
Zu Ostern 1903 ereignete sich im moldawischen Kischinjow (Chisinau) ein grauenhafter Pogrom, bei welchem viele Juden von ihren sonst friedlichen Nachbarn einfach erschlagen wurden. Zu den Opfern gehörten der Urgroßvater und der Großvater väterlicherseits von Mieczyslaw Weinberg.
Nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 töteten die Nazis seine Eltern und seine Schwester, und 1948 ermordete Stalins Geheimpolizei seinen Schwiegervater, den berühmten jüdischen Theaterdirektor und Schauspieler Solomon Michoels, den man als Gefahr für das Regime betrachtete. Schließlich wurde Weinberg selbst am 6. Februar 1953 verhaftet und unter diffuse antisemitische Anklagen gestellt. Stalins Tod einen Monat später rettete ihm das Leben. Es sollte ihm vergönnt werden, noch 43 Jahre lang zu leben und in dieser Zeit trotz seiner ausländischen Herkunft zu einer überaus bedeutenden Position unter den sowjetischen Komponisten vorzurücken.

Es ist vermutlich unmöglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie sich ein Mensch nach solchen wiederholten, schweren Schicksalsschlägen erheben und zu einzigartiger künstlerischer Größe emporsteigen kann. Hingegen können wir leicht feststellen, dass sich die Thematik seiner Werke sehr häufig mit dem jüdischen Schicksal befaßt, dass sie die Tragik der Kinder inmitten von Krieg und Morden mit bemerkenswertem Mitgefühl schildert, und dass sie eine allgemein pazifistische Einstellung verrät. Dies gilt auch für Weinbergs absolute Musik, also für jene Werke, denen keine, oder zumindest keine veröffentlichten Programme oder Texte unterliegen. Selbst sagte der Komponist einmal: "Viele meiner Werke befassen sich mit dem Thema des Krieges. Dies war leider nicht meine eigene Wahl. Es wurde mir von meinem Schicksal diktiert, vom tragischen Schicksal meiner Verwandten. Ich sehe es als meine moralische Pflicht, vom Krieg zu schreiben, von den Greueln, die der Menschheit in unserem Jahrhundert widerfuhren."

Mieczyslaw Weinberg wurde in Warschau geboren, wo sein Vater Komponist und Musiker an einem jüdischen Theater war. Beide Eltern waren Juden, aus dem südwestlichen Teil des damaligen zaristischen Reichs gebürtig. Im Alter von nur zehn Jahren debütierte er selbst als Pianist und Dirigent am Theater, und als Zwölfjähriger begann er ein äußerst erfolgreiches Klavierstudium bei Jozef Turczynski am Konservatorium. Obwohl sein Vater durch die Schließung des Theaters arbeitslos wurde und Weinberg durch Nebenverdienste die Familie mehr oder weniger ernähren musste, schien ihm allmählich eine Zukunft als internationaler Klaviervirtuose sicher. Direkt nach seiner Abschlussprüfung 1939 brach aber der Krieg aus, und er musste vor den Deutschen aus Warschau fliehen. Er kam in die weißrussische Hauptstadt Minsk, wo er bei Wassilij Solotarjow, einem Schüler Balakirews und Rimskij-Korsakows, Komposition studierte. Am Tage nach seiner Abschlussprüfung im Juni 1941 griff die Wehrmacht die Sowjetunion an, und Weinberg mußte abermals fliehen. Diesmal setzte er sich nach Usbekistan ab, einer der sowjetischen Teilrepubliken.

In der usbekischen Hauptstadt Taschkent arbeitete er als Korrepetitor an der Oper. Zusammen mit usbekischen Kollegen komponierte er auch Bühnenwerke, und in der großen Stadt lernte er viele ebenfalls evakuierte Künstler kennen, darunter Solomon Michoels, dessen Tochter Natalija er heiratete. Auf Umwegen hatte Dmitrij Schostakowitsch von Weinbergs großer Begabung gehört, und als ihm die Partitur von der ersten Sinfonie gebracht wurde, beeindruckte sie ihn so sehr, dass er Weinberg persönlich eine Aufenthaltsgenehmigung für Moskau besorgte, was in der damaligen Zeit besonders wertvoll war. Das Ehepaar übersiedelte 1943 in die sowjetische Hauptstadt, wo Weinberg bis zu seinem Lebensende wohnen sollte, und es begann zugleich eine enge Freundschaft der beiden Komponisten. Sie zeigten einander gegenseitig jede neue Komposition, und Schostakowitsch machte Weinberg das Kompliment, ihn "einen der hervorragendsten Komponisten der heutigen Zeit" zu nennen, während dieser meinte, von seinem älteren Kollegen unendlich viel gelernt zu haben: "Obwohl ich nie bei ihm Unterricht nahm, zähle ich mich als seinen Schüler, sein Fleisch und Blut".

Nach der Übersiedlung nach Moskau arbeitete Weinberg in der Hauptsache als freischaffender Komponist, und zusätzlich erschien er gelegentlich bei Konzerten als hervorragender Pianist. Als Freischaffender konnte er eine gewisse Freiheit genießen. Dazu gehörte, dass er niemals genötigt wurde, Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden. Allerdings lief er auch gewisse Risiken: er konnte etwa nicht unbedingt mit der Unterstützung rechnen, die den loyalen Mitgliedern des Systems von den Behörden automatisch gewährleistet wurde. Er verdankte es vor allem seinen zahlreichen Freunden unter den hervorragendsten Musikern des Landes, dass seine Werke fast ohne Ausnahmen aufgeführt wurden. Zeitweise hatte er finanzielle Probleme, und es war im Bekanntenkreis ein offenes Geheimnis, dass Schostakowitsch ihn gelegentlich selbstlos mit Bargeld unterstützte.

Bekanntlich setzte die politische Führung der UdSSR im Jahre 1948 die Komponisten unter Druck - wie es im gleichen Zeitraum auch mit anderen schaffenden Künstlern geschah. Stark vereinfacht wollte man, dass die Musik im Sinne des "Sozialistischen Realismus" volkstümlicher und leichter verständlich sein sollte. Optimismus war wichtig, und die Sowjetunion sollte am besten gebührend verherrlicht werden. Weinberg gehörte zwar nicht zu jenen, die am schärfsten kritisiert wurden, aber einige seiner Werke wurden auf die Verbotsliste gesetzt, zusammen mit Musik von Schostakowitsch, Prokofjew und anderen Größen. Dies genügte, damit die Konzertveranstalter eine gewisse Angst davor bekamen, Weinbergs Musik auf ihre Programme zu setzen, und er musste sich zeitweise durch Film- und Theatermusik ernähren. Seine Einkerkerung 1953 hatte aber nichts mit seinem Schaffen zu tun, sondern damit, dass seine Frau eine enge Verwandte von Miron Wowsi war, dem Hauptangeklagten bei dem geplanten antisemitischen Prozeß gegen die "Mörder in weißen Kitteln" anlässlich der von Stalin und der Geheimpolizei erdichteten "Verschwörung der Kremlärzte". Mutigerweise schickte Schostakowitsch eine Fürbitte für Weinberg an den NKWD-Chef Beria, aber es war Stalins Tod, der die Rettung bedeutete.
Mieczyslaw Weinberg war ein äußerst produktiver Komponist. Sein Opusverzeichnis umfasst mehr als 150 Werke; dazu kommen unzählige Kompositionen ohne Opuszahl, zum Großteil für Kino, Theater und Hörspiele. Die Zahl seiner Sinfonien beträgt 26, er schrieb mehr als ein Dutzend Bühnenwerke, es liegen 17 Streichquartette und 28 Sonaten für verschiedene Instrumente vor sowie ungeheure Mengen Musik für Soloinstrumente und Gesang, letztere zu Texten einer breiten Vielfalt internationaler Dichter. Humor und Tragik sind gleich wichtig in einem Schaffen, dessen Spannweite von einem Requiem bis zur Zirkusmusik geht; Lyrik und Dramatik ergänzen sich in überzeugender Architektur zu einem Gesamtwerk von seltener menschlicher Tiefe.

Autor: Per Skans

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