Biographie

Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

Lebensweg

Josef Tal wird als Joseph Gruenthal am 18. September 1910 in Pinne bei Posen (Polen) als Sohn eines Rabbiners geboren. Im Berlin-Charlottenburg der Zwanziger Jahre verbringt er seine Kindheit im Rahmen einer gelehrten deutsch-jüdischen Kultur, später zwischen Musikhochschule und rabbinischem Elternhaus - zwischen Moderne und Judentum. Sein Vater, Dr. Julius Gruenthal ist Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.

In Berlin geht Josef Tal zur Schule und studiert an der Musikhochschule Harfe, Klavier und Komposition. Seine Lehrer an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin sind unter anderem der Schönbergianer Heinz Tiessen (Musiktheorie), Max Trapp (bei dem Tal sein Klavierexamen mit Bravour ablegt), Hindemith, Sachs, Kreutzer und Max Saal (Harfe).

Im Jahre 1934 examiniert er in Berlin als Pianist und Harfenist und emigriert im März nach Israel. Dort lehrt er Komposition und Klavier an der Jerusalemer Musikakademie.
Von 1948 bis 1952 ist er Direktor der Akademie, 1961 gründet er das Zentrum für elektronische Musik in Israel an der Hebräischen Universität. 1965 wird er dort Leiter des Musikwissenschaftlichen Instituts.
Nach dem Ende von Nationalsozialismus und Krieg nimmt Tal allmählich wieder Verbindunge mit Berlin auf. Auf Empfehlung von Boris Blacher wird er 1969 Mitglied der Akademie der Künste Berlin, 1975 erhält er den Berliner Kunstpreis und 1982/83 arbeitet er gemeinsam mit Hans Keller an der Oper "Der Turm" am Wissenschaftskolleg. Er stirbt im Alter von 98 Jahren am 25. August 2008 in Jerusalem.


Musikalischer Stil

Tal gehört zu den führenden Komponisten Israels, doch ist sich seiner europäischen Wurzeln stets bewusst geblieben. Sein musikalischer Stil bleibt dem europäischen Hintergrund verhaftet und hat sich unabhängig von den nationalidentifikatorischen israelischen Kompositionsströmungen in den 40er und 50er Jahren entwickelt. Tal lehnt rigoros die Idee ab, einen neuen israelischen Volkston in seiner Musik zum Klingen zu bringen. Im Gegensatz zum älteren Paul Ben Haim, der in einem national-romantischen Stil komponierte und heute als der Vater der neuen israelischen klassischen Musik gilt, bleibt Tal dem universalistischen Ansatz verbunden, dass moderne Konzertmusik ohne Lokalkolorit als absolute Musik zu entwickeln sei. Er schließt sich der Schönberg-Schule an, komponiert Zwölftonmusik und mit den Jahren wuchs der Gebrauch der Dodekaphonie, doch bleibt er auch hier stets und in jeder Hinsicht selbstständig. Sinfonisch versucht er den Urgedanken der europäischen Sinfonik ins Zentrum seines kompositorischen Schaffens zu stellen - die Entwicklung einer Sinfonie aus einem Keim (in einer meist einsätzigen und kurz gehaltenen Form).

Man kann Josef Tal als den Vater der elektronischen Musik in Israel bezeichnen. Er gründete das Institut für elektroakustische Musik in Israel und brachte den Moog Synthesizer in das Land. Für eine Reihe von Konzerten kombiniert er Live-Instrumente mit Studioaufnahmen für diverse Instrumente und Elektronik. Tals Kombination von Instrument und synthetischer Bandklang auf der Bühne steht stellvertretend für die Relation von Mensch und Maschine. Er stellt (sich) die Frage, ob es möglich für beide ist , miteinander in Kommunikation zu treten oder ob zwei grundsätzlich verschiedene Wege betreten werden müssen. Abstrakte Elektronische Klänge und subjektiv-persönliche Performance - zwei grundlegend verschiedene Medien auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner, so scheint Tal die palästinensische Realität zu deuten, in der eine l'art pour l'art von keiner Bedeutung zu sein scheint.
Trotz eines beeinträchtigenden Augenleidens ist Josef Tal ein Komponist von bemerkenswerter Altersproduktivität - Seine erste Symphonie schreibt er im Alter von 43 Jahren, die beiden letzten mit 81 Jahren. Doch ist keine Alters-"Versöhnung" zu erkennen, sondern eher eine noch stärkere Zurücknahme. Der Blick für die Ökonomie der Mittel wird schärfer, die Intensität des Ausdrucks größer.
Viele seiner Werke haben biblische Begebenheiten zum Thema oder basieren auf bedeutenden Ereignissen der jüdischen Geschichte. Seine Musik vermittelt zwischen Bibel und moderner Literatur, Symphonik und Elektronik, Judentum und Zwölfton. Seine umfangreichen Werke umfassen Kompositionen für Bläser, Harfe, Klavier, Schlagzeug, Streicher, Stimme, Chor, bis hin zur Kammermusik, Symphonische Musik und Opern, also Musik für alle Gattungen.

Seine "Essays für Piano", die Josef Tal seit 1986 für den in Berlin lebenden Pianisten Jeffrey Burns schreibt, stehen für die grundlegende Philosophie seines gesamten Werkes. Ebenso meditativ wie virtuos kann man sie als philosophisch-musikalische Diskurse verstehen. Für Tal ist Musik eine Art Repräsentation des dialektischen Prozesses, Konzepte und Erfahrungen werden auf der Bühne verarbeitet, entwickelt und in Bezug zueinander gesetzt. Abschnitte werden wiederholt, in ihren Variationen dem Original nebengestellt und nehmen von dort aus einen eigenen Weg. Bei all dem gilt das Talmudische Prinzip, dass die Frage bedeutungsvoller ist als jegliche Antwort. Alles hat seinen Grund, musikalische Themen können sich sowohl in die eine Richtung als auch in die andere Richtung entwickeln, manche Wege führen zu größeren Konsequenzen, doch beruht jegliche Entwicklung auf dem dialektischen Prinzip.

Aus jeder Antwort lässt sich eine neue Frage heraushören.