Biographie

Der bedeutendste zeitgenössische Komponist der Türkei, Ahmed Adnan Saygun, kam am 7. September 1907 in Izmir auf die Welt. Damit wurde er in eine Zeit des nationalen Umbruchs hineingeboren, als nämlich eine an westlichen Modellen orientierte weltliche Republik das 600 Jahre alte osmanische Reich ablöste.

Der erste Staatspräsident der jungen türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, führte darüberhinaus auch auf kulturellem Gebiet Reformen ein, um die Traditionen des eigenen Landes mit denen des Westens in Einklang zu bringen und letztendlich eine Kultursynthese zu erreichen. Zu seinen Programmen gehörten sowohl das Studium der eigenen türkischen Volkskultur, das die Grundlage für eine nationale Identität schaffen sollte, als auch das Studium der westlichen Musik. Von diesen Reformen sollte der junge Saygun dann nicht nur profitieren, sondern vor allem hierbei selbst eine zentrale Rolle spielen, wurde doch die Synthese türkischer und westeuropäischer Musikformen zu seiner Lebensaufgabe.
Die erste musikalische Ausbildung, die Saygun erhielt, bestand sowohl aus Praktiken der osmanischen als auch der westlichen Musiktradition. Durch sein Studium der ud, der osmanischen Kurzhalslaute, lernte er die modalen und rhythmischen Strukturen der osmanischen Kunstmusik kennen. Demgegenüber brachte ihm das Klavierspiel die polyphonen harmonischen Strukturen der europäischen Musik nahe.

1928 erhielt Saygun ein Stipendium des türkischen Staates, das ihm ein dreijähriges Studium in Paris ermöglichte. Dort wurde er mit der Musik der europäischen Spätromantik und des französischen Impressionismus bekannt. Er ließ sich bei Vincent d'Indy an der Schola Cantorum in Komposition und bei Eugène Borrel in Harmonielehre und Kontrapunkt ausbilden. In dieser Zeit entstand auch sein erstes gültiges Werk, das Divertimento für Orchester op. 1, das zwar den starken Einfluß der in Paris erlernten traditionellen Kompositionstechniken und -formen verrät, jedoch auch bereits von Sayguns Experimenten mit den heimischen modalen Elementen zeugt.

Nach seiner Rückkehr in die Türkei setzte Saygun sich intensiv mit der anatolischen Volksmusik auseinander. Höhepunkt dieser Studien bildete eine gemeinsame Forschungsreise mit Béla Bartók in die verschiedenen Regionen Anatoliens, um Volkslieder zu sammeln und zu transkribieren. Zugleich wurden seine Forschungen wegweisend für das eigene kompositorische Schaffen. Denn es war gerade die türkische Volksmusik mit ihren Melodien, irregulären metrischen Mustern und Tanzformen, aus der Saygun seine eigentlichen Anregungen gewann. Und vor allem half sie ihm, eine eigene und einzigartige Musiksprache zu formen und überdies einen pathetischen, jedoch nicht sentimentalen Ton zu finden, der eben jenem erwachenden Nationalgefühl entsprang, das Atatürk mit den Studien der türkischen Volkskultur bezweckte. Mit diesem Nationalton ist Saygun in eine Reihe mit Komponisten wie Béla Bartók, Manuel de Falla und Jean Sibelius zu stellen.

Mit Sayguns 1946 vollendetem Oratorium Yunus Emre machte Saygun erstmals international auf sich aufmerksam. Seit der Uraufführung im Jahre 1947 in Ankara erlebte das Oratorium zahlreiche Aufführungen, darunter 1948 in Paris und zehn Jahre später in New York unter der Leitung von Leopold Stokowski. Dieses Werk stellt aber in noch anderer Hinsicht einen Markstein dar, finden sich hier bereits Elemente der traditionellen orientalischen Kunstmusik, die dann in den folgenden Jahren immer wichtiger für Saygun wurde und deren modale Grundlage sich als tragfähig erwies, auch größere und immer komplexere Werke hervorzubringen. So entstanden etwa in den fünfziger Jahren die ersten beiden Symphonien, das erste der beiden Klavierkonzerte sowie diverse Kammermusik. Seine produktivste Schaffensphase erreichte Saygun dann in den 60er Jahren mit der dritten, vierten und fünften Symphonie sowie zahlreichen Kammermusikwerken und Klavierkompositionen über Aksak-Rhythmen. In diesen Spätwerken verschmelzen schließlich traditionelle Volks-, Kunst- und westliche Musik zu einem ausgereiften, komplexen Stil.

Eng verbunden mit seinem kompositorischen Schaffen und seinen Volksliedforschungen war Sayguns pädagogisches Wirken. Als Kompositionslehrer am Konservatorium von Ankara übte er entscheidenden Einfluß auf die Richtung der Schule aus und prägte darüberhinaus die gesamte kunstmusikalische Entwicklung seines Landes. Die bedeutendsten Musiker der Türkei waren seine Schüler. Er veröffentlichte mehrere musikpädagogische Werke, in die auch Erkenntnisse aus seiner Forschertätigeit einflossen. Weiterhin regte Saygun den Aufbau neuer Konservatorien an und wurde von 1960 bis 1965 zum nationalen Bildungs- und Erziehungsrat und von 1972 bis 1978 zum Vorstand der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt berufen. Seit 1972 lehrte Saygun Komposition und Musikethnologie am Istanbuler Staatskonservatorium. Nicht zuletzt hat sich Sayguns pädagogisches Wirken in vielen Kompositionen niedergeschlagen.

Als Saygun am 6. Januar 1991 starb, hinterließ der "große alte Mann" der türkischen Musik ein umfangreiches und bedeutendes Oeuvre - ein Oeuvre, in dem sich ein Personalstil ausbildete, der zwei Kulturkreise miteinander verschmolz, und dies weit über lokale oder zeitliche Begrenzungen hinweg.

zurück