"L’Absence" – Oper von Sarah Nemtsov

© Regine Koerner

Sarah Nemtsov (*1980) hat eine ungewöhnliche Oper komponiert – in 5 Akten für 12 SängerInnen, Sprecher, Tänzerin und Orchester auf der Basis eines Texts von Edmond Jabès, dem Buch der Fragen: „Unentrinnbare Fragen nach dem Sehen, nach dem Wort, nach der Freiheit, nach dem Tod […] Antworten durch zwei Liebende in der Verlorenheit gelesen […]" (Jabès).

Musik: Sarah Nemtsov
Libretto: nach Le Livre des Questions von Edmond Jabès
Musikalische Leitung: Rüdiger Bohn
Regie: Jasmin Solfaghari

 

Uraufführung Münchener Biennale 2012

Video's der Oper L'Absence auf YouTube

 


Deutscher Musikautorenpreis

Sarah Nemtsov hat den Deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie "Nachwuchsförderung" erhalten. Das Team von Peermusic Classical gratuliert der Komponistin zu dem mit 10.000 Euro dotierten Nachwuchs-Förderpreis.

Weitere Informationen: www.musikautorenpreis.de


Pressestimmen

“L’absence’ fills the contemporary Jewish music void. Opening the Munich Biennale, the composer of an avant-garde opera written by Jews and directed by an Iranian takes objection to those who call it a ‘Holocaust Opera’ […] Nemtsov’s work represents a notable new trend in Jewish culture in Germany. Today, voicing contemporary Jewish concerns by means of music, literature, film and art goes beyond the mere reflection of the aftermath of the Shoah. One might even call it a self-determined revival of contemporary Jewish culture in Germany fighting existing clichés.”

Shoshana Liessmann, The Times of Israel, 03.05.2012

„So zwingend Sarah Nemtsov dieser weite musikalische Bogen gelingt, so genau formt sie immer wieder auch die Mikrostruktur.“

Juan Martin Koch, neue musikzeitung, 04.05.2012

 

„Zweifellos, die Frau kann was. Zum Beispiel wunderbare Orchester-Interludien mit kräftigen Farben komponieren. Oder krachende Schlagzeuggewitter erzeugen. Oder auch fünf Rabbiner in Kantillationen singen lassen, die jüdische Traditionen mit gegenwärtiger Avantgarde verschalten. Und eindrückliche, zeitweise unruhig umher flatternde Schmerzenskantilenen gibt es auch noch.“

Jörn Florian Fuchs, Deutschlandradio Kultur, 03.05.2012

 

"Harsche, scharf profilierte Gebärden und Entwicklungslinien durchziehen diese Partitur, eine poröse, immer wieder aufbrechende Oberflächenstruktur, in der Generalpausen nicht Trennungen schaffen, sondern das Geschehen einfrieren. Expressiv, nach außen gerichtet sind die Gesten dieser Musik. Oft auch, trotz kleinteiliger Aufgeregtheit, in großen Bögen gedacht. Und sich manchmal in Ein-Ton-Umkreisungen beruhigend."

Markus Thiel, Merkur online, 04.05.2012


Sarah Nemtsov spricht mit Peermusic Classical (PC) über ihre Oper

PC: Frau Nemtsov, wovon handelt ihre Oper?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Hintergrund ist Edmond Jabès’ Buch der Fragen. Darin geht es unter anderem um das Paar Yukel und Sarah. Die Hintergründe ihrer Geschichte bekommt man als Leser jedoch nur sehr bruchstückhaft mit. Man versteht vielleicht, dass sie getrennt sind, dass Yukel Sarah sucht, dass es Sarah so nicht mehr gibt. Nach und nach erfährt man, dass das Ganze mit der Shoah zu tun hat: Sarah wurde mit ihren Eltern deportiert, diese wurden umgebracht, sie hat überlebt, ist aber wahnsinnig geworden. Deswegen kann Yukel die Sarah, die er geliebt hat, nicht mehr finden. Irregeworden, kann sie nur noch schreien.

Es wird dem Buch aber überhaupt nicht gerecht, wenn man das so geradlinig erzählen wollte. Und auch darum geht es: die Wahrheit liegt eben nicht in der Linearität. Sie offenbart sich nicht in Fakten, sondern vielmehr zwischen den Worten, in den Leerstellen, im Schweigen, in Abgründen und absurden Verknüpfungen. Immer wieder tauchen in Jabès’ Buch Rabbiner auf, die die Geschichte kommentieren und hinterfragen.

PC: L‘Absence, Abwesenheit, Schweigen, Verlust… Wie gehen Sie mit dem Thema der Oper um?

Einerseits geht es ja um den Verlust einer Person; ich glaube aber, bei Jabès bedeutet Abwesenheit noch viel mehr. Nicht nur, dass eine Person weg ist, fehlt, sondern auch, was man dadurch von sich selbst verliert. Mehr noch: Abwesenheit zieht sich durch alles. Es geht um Sprachlosigkeit, um das, was man nicht sagen kann. Es geht auch um Gott – als Leerstelle und Frage.

Ein plakatives Moment ist, dass die Sängerin Sarah tatsächlich lange abwesend ist – sie taucht überhaupt erst im 3. Akt auf. Ich habe die Rolle der Sarah gespalten in eine Sängerin und eine Tänzerin, wobei die Tänzerin für die jetzt noch existierende Sarah steht: Die „verrückte“ Sarah ist bei mir eine stumme Figur, obwohl sie im Buch als die Schreiende beschrieben wird. Die Sängerin ist eher die Erinnerung, oder das Selbst der Sarah. Was eben verloren ist, zu dem die anderen keinen Zugang mehr finden, aber von dem ich doch denke, dass es noch irgendwo in einer inneren Kammer existiert.

PC: Wie würden Sie die Kompositionssprache von L’Absence beschreiben, was kann das Publikum der Münchner Biennale hören?

Es ist auf jeden Fall eine durchaus schon zerklüftete Musik. Dennoch wird sie von vielen Strukturen, mit denen ich gearbeitet habe und die im Untergrund wirken – wie Kantillation oder andere Formen jüdischer Musik, zusammengehalten. Es gibt Illusionen von Melodie vielleicht im Gesang – wobei es auch da immer wieder Abgründe gibt.

Die Oper ist mit kleinem Orchester besetzt, es gibt zwölf Sänger, die nie wirklich zusammensingen; eine Art Chor, der aus Individuen (fünf Rabbinern) besteht, die Hauptfiguren Yukel und Sarah sind Bariton und Sopran. Eine wichtige Rolle hat der Erzähler, eine Schwellenfigur, Countertenor. Dann gibt es noch zwei Rosen (Sopran und Alt), zwei Knabenstimmen, einen Sprecher und die Tänzerin.

Für mich war es wichtig, mich dem Jüdischen in diesem Themenbereich und in dem Buch zu nähern. Und so habe ich mich in der Oper viel mit jüdischer Musik beschäftigt. Wobei ich da nie zitiert habe, selbst wenn es mal so klingen mag, sondern versucht, diese tief in meine intellektuelle Kompositionssprache zu integrieren. Ich habe mir verschiedene Prinzipien aufgestellt, wonach ich Sachen verfremdet habe: z.B. rhythmische Motive oder melodische Floskeln.

PC: Wie komponieren Sie heute, nach der Oper?

Meine aktuelle Musiksprache hat sich verändert, sie hat andere, vielleicht größere Bögen, mehr Geräuschanteil und in manchen Momenten mehr Aggressivität. Wenn ich meine klanglichen Visionen mit normalen Instrumenten nicht verwirklichen kann, beziehe ich andere Sachen mit ein. Es können auch alltägliche Gegenstände sein, die ich mitkomponiere, aber es soll nie reiner Effekt sein, sondern es geht immer um den Klang. Aktuell habe ich in einen Kammermusik-Zyklus auch Gläser, Scherben oder das Zertrümmern von Glas integriert, für Schlüsselbund komponiert, für Laub, oder für eine Paket-Box – verknüpft mit klassischen Instrumenten und die Objekte immer zunächst klanglich-musikalisch gedacht. Literatur spielt als Inspirationsquelle weiterhin eine wichtige Rolle für mich.

 

Mehr Informationen über Sarah Nemtsov finden Sie auf ihrer Website.

L'Absence (2006 - 2008) - Oper in 5 Akten

Libretto nach "Le Livre des Questions" von Edmond Jabès,

Besetzung: {S, Mez, A, Altus, 2 T, 2 Bar, Bbar, B, 2 (3) Knaben, Spr, Tänzerin soli; 2-1-1-1, 0-1-2-1, Zimbalum, Akk, Perc (2), Str, Tonspur} (AM)

Dauer: 1h 40

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