Sarah Nemtsov - Biographie

Die mehrfach ausgezeichnete Komponistin Sarah Nemtsov wurde 1980 in Oldenburg geboren. Bereits mit ihrem ersten Musikunterricht im Alter von sieben Jahren fing sie auch an zu komponieren. 1998 wurde sie Jungstudentin für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hannover bei Nigel Osborne. Von 2000 bis 2005 studierte sie Komposition bei Johannes Schöllhorn (Hannover), sowie Oboe bei Klaus Becker (Hannover) und Burkhard Glaetzner (Berlin). Sie absolvierte das Meisterschülerexamen Komposition mit Auszeichnung bei Walter Zimmermann an der Universität der Künste Berlin.

Als Solo-Oboistin gab Sarah Nemtsov Konzerte im In- und Ausland, seit 2007 konzentriert sie sich jedoch ausschließlich auf die Komposition und erhielt dafür in kurzer Zeit viele Auszeichnungen: Hanns-Eisler-Preis, ZONTA-Musikpreis, Deutscher Musikautorenpreis, Busoni-Kompositionspreis. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes, der Aribert-Reimann-Stiftung, der Wilfried-Steinbrenner-Stiftung, der Villa Serpentara Italien, der Stiftung Zurückgeben und des Berliner Senats. Ihre Werke werden von bedeutenden Ensembles wie dem Ensemble Adapter, dem Nomos Quartett, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Internationale Ensemble Modern Akademie oder dem Trio Accanto bei international renommierten Festivals aufgeführt, darunter die Donaueschinger Musiktage, das Ultraschall Festival Berlin, Festival Musica in Straßburg, A•Devantgarde Festival für Neue Musik München, das Israel Festival in Jerusalem und das SPOR Festival in Aarhus, Dänemark.

Für Sarah Nemtsov spielt Literatur als Inspirationsquelle eine wichtige Rolle, sie dient ihr inhaltlich wie auch formal kompositionstechnisch als gedankliche Anregung zur eigenen steten Erneuerung. Die Auseinandersetzung mit anderen Künsten und Künstlern hat für Sie eine ähnlich wichtige Bedeutung.

Sarah Nemtsov komponiert nie für den reinen Effekt, sondern immer klanglich-musikalisch gedacht. Zu Ihrer aktuellen Musiksprache, teilweise in Einbeziehung von Gegenständen, äußert sich Sarah Nemtsov so:

„Genaugenommen setze ich mich dabei nicht mit dem Alltag, sondern eher mit dem Un-Alltäglichen auseinander – und Gegenstände kommen nicht unbedingt vor, weil ich die anderen, ‚normalen’ Instrumente als ungenügend empfände, zumal ich auch immer wieder für nicht gerade normale Instrument komponiere: E-Gitarre, Cembalo, Pipa, Sheng, Zink, Laute zuletzt … bzw. sind manche Utensilien, die ich extra in mein Komponieren einbaue, gerade überhaupt nicht alltäglich wie Rohrbau-Utensilien – wer hat schon so was – es sind eher zusätzliche Schichten, auch Chiffren … manchmal verborgen, manchmal offen, zugleich Bild und Klang, an der Grenze zum Theatralischen.“

Die Vielfarbigkeit und Zerrissenheit der Wirklichkeit

Im inszenierten Kammermusik-Zyklus A LONG WAY AWAY. Passagen integriert sie Gläser, Scherben oder das Zertrümmern von Glas, komponiert für Schlüsselbund, für Laub, oder für eine Paket-Box, Bürsten, Mundharmonikas und Kinderratschen und verknüpft diese Klangquellen mit klassischen Instrumenten. „Passagen“ sind für Sarah Nemtsov hier auch Strukturprinzip in der Komposition: alles ist wandelbar und in Bewegung und öffnet so Assoziationsfelder: Räume, Bilder, Klänge.

In der Verbindung und der Gegenüberstellung von auditiven und visuellen Momenten lotet sie hier, an der Grenze zum Musiktheater, neue Formen musikalischer Präsenz aus. Stets neue Verknüpfungen von Erinnerungen, Zeiten und Beziehungen finden sich in der verwinkelten Komposition und der Bühnengestaltung und vermitteln so die Vielfarbigkeit und Zerrissenheit der Wirklichkeit.

Suchen und Erinnern

Die abendfüllende Oper „L'ABSENCE“ (2006-2008) in fünf Akten mit Prolog und Epilog für 12 SängerInnen, Sprecher, Tänzerin und kleines Orchester nach dem „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès wurde im Mai 2012 bei der Münchener Biennale uraufgeführt.

Die musikalischen Strukturen der Oper wirken im Untergrund und halten eine stark zerklüftete Musik zusammen. Auf der Basis von Edmond Jabès’ Buch der Fragen, offenbaren sich die Wahrheiten der Oper nicht in der Linearität, sondern vielmehr in den Leerstellen, im Schweigen, in Abgründen und ungewohnten Verknüpfungen. Immer wieder tauchen in Jabès’ Buch Rabbiner auf, die die Geschichte kommentieren und hinterfragen. Diese Mikrostruktur formt Sarah Nemtsov sehr genau aus und führt sie in weiten musikalischen Bögen zu einer fünfaktigen Form.

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L'Absence

(Foto: Regine Koerner)

  Die fünfaktige Oper von Sarah Nemtsov wurde bei der Biennale 2012 uraufgeführt.

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