Biographie

Gideon Lewensohn wurde 1954 in Jerusalem geboren. Er studierte an der Rubin Academy of Music der Universität von Tel-Aviv. Außerdem promovierte er im Fach Orchesterleitung am Peabody-Konservatorium der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Zusätzliche Studien bei Sergiu Celibidache waren für seine musikalische Entwicklung von Bedeutung. Heute lebt Lewensohn mit seiner Frau sowie acht Kindern in Jerusalem und ist als Dirigent, Kontrabassist, Professor für Komposition und vor allem als Komponist tätig. Sein Ouvre umfaßt Orchester- und Kammermusik sowie Theatermusik und elektroakustische Werke.

Lewensohn hat mehrere Kompositionsaufträge erhalten, darunter von der Salman and Liebe Friedman Foundation in Los Angeles für sein Odradek Quartet, benannt nach einer Figur Kafkas. Dieses Streichquartett erhielt 2001 den ersten Preis des internationalen Wettbewerbes der italienischen Akademie der Künste. Sein Klavierquintett errang kurz darauf den ersten Preis des ACUM-Kompositionswettbewerbes. Ebenfalls 2001 wurde er zu einem Portraitkonzert an die Bayerische Akademie der Schönen Künste in München eingeladen. 2002 war er "composer in residence" an der Universität Witten/Herdecke. Dort wurde sein Orchesterwerk Meronian Echoes uraufgeführt, außerdem hielt er Vorträge und präsentierte Aufführungen seiner Kammermusik mit dem Danel Quartett. Sein jüngstes Werk ist ViolAlive für Viola, Percussion und 19 Solostreicher. Es wurde am 12.1.2005 von der Kammerphilharmonie München mit Kim Kashkashyan uraufgeführt, danach auch in anderen Städten Deutschlands. Wichtigstes Element ist die Interaktion der Musiker auf musikalischer, gestischer und topographischer Ebene. Nach einem genau festgelegten Plan sind sie auf der Bühne verteilt und es entsteht ein Musiktheater in dem anstatt der verbalen die musikalische Identität der Agierenden das Geschehen vorantreibt. Zu seinen neueren Werken gehören "Quartet for Bruno Schulz" für Violine, Clarinette, Cello und Klavier und das Kammermusik/Theater Projekt Six musicians in search of a home für Violine, Klarinette, Trompete,  Cimbalom, Akkordeon und Bass.

Bei ECM ist eine von Manfred Eicher produzierte CD erschienen (ECM New Series 1781 461 861-2). Sie enthält das Klavierquintett, das Odradek Quartet sowie Postlude für Klavier in zwei verschiedenen Interpretationen.

In einem Essay über André Hajdu und die verlorene Kindheit der zeitgenössischen Musik ("The child and the pendulum", in: The Israel Review of Arts and Letters, 1996/103) formulierte Gideon Lewensohn: "Indem die Kraft der musikalischen Erinnerung, der Nostalgie und des Gedächtnisses verringert wird und theoretische Modelle und Systeme sowohl technischer wie auch ästhetischer Art eingesetzt werden, um die Kindheit aus der Agenda des zeitgenössischen Komponisten zu streichen, findet sich der Musikliebhaber wieder als ein verlassenes Kind in einem unbekannten Land, ohne die notwendigen Hilfsmittel, um mit seiner Umgebung in einen Dialog zu treten." Hier berührt Lewensohn zugleich sein eigenes Selbstverständnis als Komponist. Eine bedeutende Rolle spielt dabei das kulturelle Erbe, welches seiner Ansicht nach ebenso bedeutsam für das Leben ist wie die Kindheit und mit dem es in einen Dialog zu treten gilt, das er kommentieren und interpretieren möchte. Dieses Anliegen hat der Komponist u.a. in seinem Orchesterwerk Meronian Echoes eingelöst. Darin setzte er sich mit der jahrtausendealten Kultur der jüdischen Kabbalisten auseinander, die sich bis heute gegenüber dem Berg Meron in der alten Stadt Safed im Norden Israels ihren Studien der talmudischen und jüdischen Metaphysik widmen. Die in dieser reichen religiösen, emotionalen und intellektuellen Polyphonie entstandenen Klänge der Feiern, der Gebete und der Studien wieder einzufangen und zu verarbeiten, war die kompositorische Aufgabe, die sich Lewensohn stellte. "Meronian Echoes ist ein Stück über Echos, nicht in dem Sinne, wie unsere Stimme in den Bergen zurückschallt, sondern die Art Echo, in der eine Vielzahl von Stimmen, Geräuschen, Erinnerungen, Ideen, Wünschen und Verlangen gemeinsam in der Landschaft unserer Persönlichkeit schwingen ..."Ebenfalls wichtig für Lewensohns Selbstverständnis ist, dass er abstrakte Kompositionsmodelle und -regeln ablehnt. Bezeichnenderweise beurteilt er schon allein den Einfluss durch andere Komponisten als ambivalent. Daher zieht Lewensohn es auch vor, dass man die Rolle anderer Komponisten in seiner Musik als Teil eines Dialoges versteht, den der Komponist mit seinem kulturellen Erbe führt. Es seien, um dem Hörer eine Orientierungsmöglichkeit zu bieten, einige Komponisten genannt, mit deren Musik Lewensohn in einen solchen inneren Diskurs tritt. Lewensohn wird häufig in der Nachfolge von Gustav Mahler gesehen, weil er mit Zitaten und Anspielungen arbeitet. So verwendet er "Schreie der Trauer, große Proklamationen, Märsche und Walzer" (Raymond Monelle), und dieses nicht selten ironisch, verzerrt oder gebrochen. Dennoch ist seine Musik tief verwurzelt in der spätromantischen Welt von Melodie, Harmonik und Gestik. Weitere Komponisten, denen Lewensohn sich verbunden fühlt und denen er Anerkennung zollt, sind György Kurtág für dessen Fähigkeit zu extremer Kürze, Witold Lutoslawski für seine orchestralen Techniken sowie Giya Kancheli für dessen poetische Landschaften. Aber auch Lewensohns literarische Interessen, insbesondere für Franz Kafka und Samuel Beckett, haben ihre Spuren in seinem Werk hinterlassen, so etwa Kafka mit seinen dunklen, vielschichtigen und nicht greifbaren Figuren, die viele Interpretationen möglich machen. Vordergründig gehört mag Lewensohns Musik fragmentarisch und skizzenhaft erscheinen. Hierfür steht insbesondere das Odradek Quartet. Einzelne Gesten und Stimmungen treffen wie unvermittelt und beziehungslos aufeinander, und ehe man meint, sie greifen zu können, haben sie sich schon verändert oder sind entschwunden - als wollten sie sich einer Kategorisierung, eben einer Einordnung nach Modellen und Regeln, entziehen. In all dieser ihrer Flüchtigkeit und Vieldeutigkeit erinnern sie an Kafkas Figur Odradek. Erstaunlich aber ist, dass diese Gesten und Stimmungen, diese vereinzelten Subjekte, ihren rätselhaftigen und unbestimmten Charakter überwinden, und dies, weil der Komponist sie bei ihrem Namen ruft. Es sind seine Geschöpfe, nachdenkliche und ungestüme, und er wirft sie nicht nur hin, sondern er hebt sie wieder auf, indem er sie in ein Ganzes einbettet. Er formt ein Gewebe, eine Komposition, in der immer wiederkehrende, nachhallende Motive Bezugspunkte erzeugen, Dialoge ermöglichen und so ein Rahmen sich bildet: und in diesem sind alle Subjekte letztendlich aufgehoben. Damit entsteht eine sehr persönliche, ja intime Musik, hinter der ein Komponist sich offenbart, der erschafft, der gestaltet und vermittelt, der kommentiert und interpretiert und damit seine Sichtweise einbringt. Zudem ist es eine leidenschaftliche und dramatische Musik oder, um mit Enzo Siciliano zu sprechen, eine, die die tragischen Aspekte des Lebens zum Ausdruck bringt, weil ihre Ereignisse eben nicht nur singulär und nebeneinander bestehen, sondern ein beteiligter, ein betroffener Komponist Beziehungen schafft und Stellung bezieht. Und noch eines: es gibt Passagen in Lewensohns Musik, die so schön sind, dass man sie sich länger wünschte, aber das soll eben nicht sein. Kein Schwelgen, kein Sich-Verlieren ist beabsichtigt, sondern der Hörer soll sich des Gewesenen erinneren, um es für sich zu interpretieren. Denn Lewensohns Musik ist trotz aller Rückbezüge und ihres oftmals wehmütigen Charakters nicht rückwärts gewandt, sondern sie lässt neue Perspektiven entstehen, indem sie mit der kollektiven und persönlichen Kindheit der Musik Verbindung aufnimmt, diese Verbindung wieder löst, um sie dann erneut aufzunehmen. Es entsteht etwas Neues - eine Zukunft.

zurück