Biographie

Lou Harrison verkörperte - nach Charles Ives, Henry Cowell und John Cage - den letzten der großen Individualisten unter den amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er war es, der der sogenannten Weltmusik den Weg bahnte, indem er als einer der ersten Komponisten westliche und asiatische Musikstile und Instrumente zusammenbrachte. Darüberhinaus gehört er zu den ersten Komponisten, die reine Schlagzeugstücke schrieben.

Er war es aber auch, der Charles Ives' dritte Symphonie auf der Grundlage eines nicht beachteten Manuskriptes edierte und 1946 deren Uraufführung leitete - für diese Symphonie sollte Ives dann den Pulitzer-Preis erhalten. "Von Anfang an", so sagte Lou Harrison einst, "breitete ich mein Spielzeug auf einer großen Fläche aus." Und in der Tat gibt es wenig, was Harrison nicht erprobte. Motive dafür waren eine unstillbare Neugierde sowie die Freude an der künstlerischen Herausforderung. Und die suchte er nicht nur als Komponist. Er war auch publizierender Dichter, Maler, Kalligraph, er entwickelte Tonsysteme und erfand Instrumente, er unterstützte die internationale Sprache Esperanto. Innerhalb seines kompositorischen Schaffens erweiterte er das Instrumentarium und die musikalischen Formen: indem er etwa in seinen Schlagzeugstücken Gegenstände wie Bremszylinder, Metallrohre, Blumentöpfe und Mülleimer einsetzte oder Werke für indonesisches Gamelan-Orchester schrieb, indem er mittelalterliche Tänze, die barocke Sonatenform, Rituale der Navaho-Indianer, frühe kalifornische Missionsmusik und koreanische Hofmusik verwendete. Was aber als Konstante seine Musik durchzieht, ist eine betörende Melodik.

Bezeichnenderweise konnte sich Harrison auch nicht für die Zwölftonmusik erwärmen, und den wenigen dodekaphonischen Stücken, die er schrieb, wußte er einen lyrischen Ton zu verleihen. Der amerikanische Komponist Ned Rorem etwa bescheinigte ihm die selten anzutreffende Fähigkeit, eine Melodie zu schreiben, die es wert sei gehört zu werden, und fühlte sich gar durch Harrisons "ansteckend schöne" Musik berauscht. Oder Michael Tilson Thomas, der in seiner Funktion als Dirigent der San Francisco Symphony Harrisons Kompositionen häufig auf das Programm setzte, bekannte, dass Harrisons Weisen ihm ständig durch den Kopf gingen. Dies mag eng damit zusammenhängen, dass für Harrison die Musik und die Kunst einen direkten Ausdruck des Lebens selbst bedeuteten.

Lou Silver Harrison wurde 1917 in Portland/Oregon geboren. Während seiner Kindheit wechselte er mit seiner Familie neunmal den Wohnort. Als er 1934 seinen Abschluss an der Burlingame High School machte, hatte er insgesamt 18 Schulen besucht, so dass er, wie er selbst formulierte, nie habe Wurzeln schlagen oder eine Peer-group bilden können. Für drei Semester studierte Harrison an der San Francisco State University und nahm dann privaten Unterricht bei Henry Cowell. In San Francisco war es auch, dass er mit den asiatischen Kulturen in Berührung kam. So besuchte er die chinesische Oper und erlebte ein balinesisches Gamelan. Er begann, sich für Weltmusik und außereuropäische Instrumentaltechniken zu begeistern und wurde in diesem aufkeimenden Interesse von Henry Cowell bestärkt. Aber nicht nur hierin sollte Cowell entscheidenden Einfluss auf Harrisons Leben ausüben. Er machte ihn auch mit John Cage bekannt, woraus eine lebenslange Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit erwuchs. Durch Cowells Vermittlung konnte Harrison außerdem in beruflichen Kontakt mit Charles Ives und Arnold Schönberg treten. 1943 ging Lou Harrison nach New York, wo er von 1944 bis 1947 unter der Ägide von Virgil Thomson über 300 Artikel für die New York Herald Tribune schrieb. Da ihm aber das New Yorker Leben zu anstrengend wurde - 1947 erlitt er einen Nervenzusammenbruch - siedelte er für immer über nach Aptos in Kalifornien. In den nachfolgenden Jahren unterrichtete er an verschiedenen Universitäten.

Lou Harrison schrieb vier Symphonien, zwei Opern, Ballette, Konzerte, Chorstücke, Solo- und Kammermusikwerke und auch Theatermusiken. Am bekanntesten ist er jedoch für diejenigen Werke, die sich einer klaren Klassifizierung entziehen, insbesondere für solche, die eine internationale Palette von Schlagzeuginstrumenten erfordern. Harrison hat zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, darunter Stipendien der Rockefeller-, Fulbright- und Guggenheim-Stiftungen sowie die Edward MacDowell Medal im Jahre 2000.

Der "inflential musical maverick", wie ihn die Los Angeles Times bezeichnete, starb am 2. Februar 2003 im Alter von 85 Jahren an den Folgen eines Herzanfalles.

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Lou Harrison
Symphony No. 2

Keith Jarrett (Piano)
American Composers Orchestra
Dennis Russell Davies
NI 2512

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