Biographie

Joseph Dorfman wurde 1940 in Odessa geboren. Im Alter von fünf Jahren begann er mit dem Klavierspiel. Seine musikalischen Studien setzte er an der Stolyarsky-Musikschule in Odessa und am Konservatorium ebenda fort. 1971 erhielt Joseph Dorfman am Gnessin-Musikinstitut in Moskau seinen Doktor der Philosophie. Während seiner Studienjahre war er als Komponist, Pianist und Dirigent des Philharmonischen Kammerorchesters von Odessa tätig; daneben unterrichtete er Tonsatz, Komposition und Klavier an verschiedenen Konservatorien.

Dorfman wanderte 1973 nach Israel aus. Von 1985 bis zum seinem Tod lehrte er an der Samuel Rubin Israel Academy of Music an der Tel Aviv University als Professor für Komposition und Musiktheorie. Gastprofessuren führten ihn an die Columbia University, die Yale University, die Frankfurter Musikhochschule sowie die Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf. Joseph Dorfman war Vorsitzender der Komponistenvereinigung "Acoustic 7-11" und nahm als Dirigent und Pianist an deren Konzertreihen teil. Neben weiteren kulturellen Tätigkeiten war er auch mitverantwortlich für die Festivals of Jewish Art Music. Im Jahr 2004 erhielt er den Ahad Ha´am Preis des Center for Jewish Art and Creativity.

Sein kompositorisches Schaffen umfasst Solostücke, Kammer- und Orchestermusik, Ballett, Oper und Oratorium. Viele seiner Werke wurden in Europa, Israel und den USA auf Konzerten und Festivals sowie für Rundfunkproduktionen aufgeführt.

Joseph Dorfmans Musik ist durch sein Studium bei Geinich Litinsky, einem Vetreter der Moskauer Schule, geprägt, trotzdem ist sie keiner speziellen Schule oder Kompositionstechnik verpflichtet. Dafür hat er seine Gründe: "Außermusikalische Theorien, logisch durchdachte Systeme und detailliert ausgearbeitete Schemata mit Heranziehen von mathematischen und Computerberechnungen verfügen über die Fähigkeit, die Musik zu unterdrücken und rufen oft Krisen im musikalischen Schöpfertum hervor. Die unbegrenzten Möglichkeiten des musikalischen Schöpfertums stoßen sich unvermeidlich mit den Dogmen und werfen diese, egal wie gut sie konstruiert wären und wie "ideal" sie aussähen, vom Siegerpodest herunter." Auch hielt er sich selbst für keinen Revolutionär, der das Alte zerstört und das Neue aufbaut. "Ich habe kein neues Kompositionssystem geschaffen, keine neue Musiksprache, ich halte keine Pistole in der Hand, ich baue keine Barrikaden und werfe keine Fackeln in die Fenster der Zukunft." Vielmehr war Joseph Dorfman stets auf der Suche nach seiner Musiksprache: "Ich bin ständig unterwegs und suche nach meiner Welt in der Kunst ... in jeder neuen Komposition lerne ich von neuem zu sprechen." Diese Suche führt ihn vor allem zu der Musik seiner Vorfahren, von der er sich immer wieder inspirieren ließ: die liturgischen Gesänge, also jene psalmodierenden und teilweise improvisierenden synagogalen Sprechgesänge, die unter dem Namen "hazzanut" zusammengefaßt werden, und die Volksmusik der osteuropäischen Juden, die sogenannte Klezmermusik. Klezmer bezeichnet einen Musiker aus den Gemeinschaften ashkenazischer Juden insbesondere in Osteuropa. Die Klezmorim waren professionelle, aber einfache Musiker, die auf jüdischen Festen und Zeremonien wie Hochzeiten, Begräbnissen, dem Passahfest und den Purimspielen für musikalische Unterhaltung sorgten. Eine konventionelle Ausbildung hatten sie meist nie erhalten, und so kam es oft vor, daß sie nicht einmal Noten lesen konnten. Diesen Mangel machten sie aber wett mit einer leidenschaftlichen Liebe zur Musik, einer meisterlichen Beherrschung ihrer Instrumente, einer tiefen Kenntnis der Musikkultur ihrer Zuhörer sowie einer bemerkenswerten Gabe für Improvisation.

So kommt es nicht von ungefähr, dass Joseph Dorfman oft das kurze, lyrische, musikalische Gedicht, die melodische Erzählung oder auch ein Tanzmotiv bevorzugt hat, "einfach oder kompliziert, lustig oder traurig, tragisch oder mystisch, aber von einem Instrument erzählt oder gesungen".
Zu den wichtigen Komponenten seiner Musiksprache zählen die linear-melismatische Entfaltung des Melos, diatonische Trichorde und Tetrachorde mit der ornamentalen Chromatisierung und der Aufspaltung in Vierteltöne, basierend auf der polymodischen Technik. Ein weiterer Bestandteil ist die rhythmische Asymmetrie, d.h. die unregelmäßige Unterteilung im mehrstimmigen Kontrapunkt mit polymetrischen und polyrhythmischen Elementen. In thematischer Hinsicht arbeitete er vor allem mit der variablen Permutation und dem mosaikhaften Wechsel von Episoden.
Den Prozess des Musikschaffens hat Dorfman mit dem Steinschleifen verglichen: "... je feiner die Arbeit ist, je tiefer und allseitiger die Durchdringung in die Suche und Eröffnung aller Komponenten, desto schöner wird die im Innern des Steines verborgene Flamme des Lichtes und der Farben zu sehen sein, desto vollkommener kommt die Dynamik seiner Linien und Formen zum Vorschein".

Joseph Dorfman starb am 7.6.2006 in Los Angeles. Nach einem Vortrag mit anschließendem Konzert im Valley Beth Shalom Temple anlässlich des 100. Geburtstages von Schostakowitch erlag er einem Herzinfarkt.

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